Silverstone – oder zwei Koffer für ein Halleluja 

Der Picknickkorb war gepackt, die Sitzkissen verstaut und ab ging es zum großen Preis von Hockenheim. Dort saßen meine Frau und ich dann auf der Haupttribüne und beobachteten, etwas ab vom Schuss, das bunte Treiben in der Boxengasse und auf der Rennstrecke.


Ich hätte einiges dafür gegeben, mittendrin drin zu sein im Trubel des Rennfahrer-, Techniker-, Manager- und Journalisten-Gewimmels, hautnah dran an den rassigen Boliden und an der giftigen Geräuschkulisse, den die hoch gezüchteten Motoren intonierten.

Ein solches Erlebnis wurde allerdings nur denen zugestanden, die mit genug Vitamin „B“ und mit einer gepfefferten Portion Mammon gesegnet waren, um das Entreé in den Formel 1 Paddock Club zu bezahlen. Also nahm ich brav und bescheiden auf meinem Sitzkissen Platz, harrte der Dinge die da kommen würden und träumte Jahr für Jahr meinen Traum vom Einlass zum Pitlane Erlebnis.

Meine zweite Liebe neben der Formel 1 galt meiner zwar kleinen aber sehr feinen und vor allem in der Upper Class wohlbekannten Ledermanufaktur SEEGER Cashmere in Leather. Zu meinen Kunden gehörten so prominente Persönlichkeiten wie John F. Kennedy, Catherine Deneuve, die Beatles, Papst Paul VI und viele mehr.
Vielleicht lag es daran, dass eines Tages Herr Linden, der damalige Präsident des ältesten und traditionsreichsten deutschen Automobilclubs AvD, auf mich zukam und zwei große Lammnappa-Koffer für Bernie Ecclestone bestellte.
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und legte los, entwickelte das Design, briefte meine Täschner, wählte das samtweiche Leder aus, überwachte die Verarbeitung und unterzog die fertigen Koffer einer minutiösen Qualitätskontrolle.

Beim nächsten Grand Prix kam mein großer Tag. Ich übergab Bernie Ecclestone stolz die beiden Koffer, die er glücklich lächelnd in Empfang nahm.
„Hier kommen die Einnahmen vom Wochenende rein“ verriet er mir und rief mir augenzwinkernd zu „Für das nächste Jahr machen Sie mir bitte noch zwei – aber größere…“
Ja, Ecclestone war ein gewiefter Kaufmann, da gibt’s nichts zu deuteln. Er ließ sich zu Beispiel mit dem Hubschrauber über die Rennstrecke fliegen und das Areal von seinem Piloten in Planquadrate einteilen. So kontrollierte er die Besucherzahlen und ließ, wem auch immer, keine Chance zum Mogeln. Das er aber auch eine soziale Seite hatte , bei der Sympathie und Kameradschaft ganz groß geschrieben wurden, soll folgende Begebenheit unterstreichen.
Denn nach der Kofferübergabe folgte mein ganz persönlicher „Big Bang“. Ecclestone fragte mich doch wahrhaftig „Wollen Sie keine Boxenkarten haben, Mr. Johl?“ Halleluja, damit erfüllte er mir meinen Traum. Ich wurde, ohne Vitamin „B“ und ohne arm zu werden, stolzer Besitzer einer „permanent card“ für die Pitlane – und war damit mitten drin im Formel 1 Zirkus.

Welche Türen mir der Ausweis öffnete, bekam ich schon beim nächsten Grand Prix zu spüren. Während des Qualifyings lernte ich keinen geringeren als Ayrton Senna kennen. Ein blitzgescheiter Mann, der immer einen Witz drauf hatte und der sich trotz seiner sensationellen Erfolge und der damit verbundenen Popularität seine menschlich Note nicht hatte nehmen lassen und immer auf dem Teppich blieb. Beispiel:
Ich stand mitten in einer Menschentraube und obwohl wir uns nur flüchtig kannten, winkte er mir zu, schob sich durch die Menge zu mir hin und begrüßte mich sympathisch lächelnd mit Handschlag.

1992 verkaufte ich meine SEEGER Cashmere in leather Manufaktur an Montblanc. Norbert A. Platt, der damalige Vorsitzende des Aufsichtsrates bei Montblanc und heutige CEO von Richmond, einer der weltweit führenden Luxuskonzerne, war mein Verhandlungspartner. Platt war ein äußerst erfolgreicher Manager. Während seiner Ägide bei Montblanc wuchs der Umsatz des Hauses um das Dreifache.

Schnell entwickelte sich aus dem Anfangs rein geschäftlichen Kontakt ein enges, vertrauensvolles und von gegenseitiger Sympathie getragenes Verhältnis, das weit über den geschäftlichen Rahmen hinausging. So erfuhr ich beispielsweise, dass er ein absoluter Fußballfan und Bayern München Verehrer war.
Als fanatischer Formel 1 Freak schmeckte mir das überhaupt nicht. Also versuchte ich, ihn „umzudrehen“. Nicht mit dem Holzhammer versteht sich, das hätte einen Mann seines Kalibers beleidigt. Nein, ich musste es auf die sanfte Tour versuchen, gentlemanlike quasi. Bei meinen Überlegungen in diese Richtung viel mir das uns allen bekannte Prinzip des „learning by doing“ ein. Ja, so könnte mein Coup Erfolg haben.
Ich packte die nächste Gelegenheit, ein Grand Prix in Silverstone, beim Schopf und lud ihn zu einem „Silverstone Weekend“ ein. Angenehm überrascht willigte Norbert A. Platt, nach kurzem Blick auf seinen Terminkalender, bereitwillig ein. Ich reagierte sofort und begann umgehend mein Formel 1 Network zu aktivieren, um meine Einladung mit einem attraktiven Rahmenprogramm zu einem unvergesslichen Ereignis werden zu lassen. Dem Williams-Rennstall gefiel mein Plan – ein persönlicher Kontakt zu Montblanc könnte ja goldwert sein – und er übernahm die Planung und die Kosten unserer Reise.

Wenige Monate später saßen Norbert A. Platt und ich im Flieger. Nach kurzem Flug von Frankfurt nach London erwartete uns am Flughafen Heathrow, Jeremy, ein Williams-Pilot. Als Signal hielt er ein Schild mit der Aufschrift „Mr. Johl & VIP guest“ in der Hand – die Reise von Norbert A. Platt sollte nicht an die große Glocke gehängt werden.
Jeremy chauffierte uns Richtung Silverstone. Etwa 5 Meilen nach dem Flughafen wartete, auf einem Parkplatz links von der Straße, ein riesiger Helikopter, blitzblank und schmuck lackiert in den Williams Farben.
Und schon ging es ab zu einem etwa einstündigen Flug zum genauso majestetischen wie verrufenen Cliveden House Hotel in der Grafschaft Buckinghamshire. Warum verrufen fragen Sie? Ich bitte um Geduld, wird in Kürze aufgeklärt.
Nach etwa einer Stunde Flug landeten wir, spektakulär mit ausgefahrenem Fahrwerk, direkt vor dem Haupteingang des Cliveden House Hotels. Dort erwartete uns mein im Williams Corporate Dress gestylter Freund Richard West, international keynote speaker des Williams-Rennstalls, der die Reise für uns organisiert hatte.
Er begrüßte uns herzlich und führte uns, nachdem uns ein elegant uniformierter Door Opener mit gesenktem Haupt das Portal öffnete, zur Rezeption. Dort wurden wir von einem großem Schild mit der Aufschrift „Welcome Mr.Platt, Mr. Johl“ begrüßt. Eine große Ehre, wenn man bedenkt, das in diesem noblen Haus auch so herausragende Persönlichkeiten wie Charly Chaplin, Franklin D. Roosevelt, Bernhard Shaw, Winston Churchill und viele andere mehr willkommen geheißen wurden.

Nach einer kurzen aber herzlichen Eincheckprozedur an der Rezeption, wurden wir, immer voraus eine wegweisende Lady im formellen aber stramm körpernah sitzenden, schwarzen Business- Kostüm, zu unseren Zimmern geführt, die jeweils mit unseren Namen kenntlich gemacht worden waren.
Jetzt folgt die versprochene Indiskretion – und die bleibt bitte unter uns. Im Zimmer von Norbert A. Platt fand die Affäre zwischen dem Model Christine Keeler und dem britischen Heeresminister John Profumo statt, die seiner Zeit von dem Londoner Modeanwalt Stephen Ward, auf einer Pool-Party im Cliveden House, dem damaligen Herrensitz der Viscountess Lady Astor und ihres Gatten Viscount Astor, eingefädelt wurde

Ich habe Norbert A. Platt nie gefragt, ob er die Keeler noch in seinem Zimmer vorfand und sich eine entsprechend „gute Zeit“ gemacht hat. Ich weiß nur, dass ich es mir auf meinem hoch herrschaftlich eingerichteten Zimmer so richtig gut gehen ließ – ich wurde mittels einer aufwendig gestalteten Karte vom Williams-Team eingeladen, mich an den bereitgestellten Köstlichkeiten wie erlesenes Food und Beverage, darunter eine eisgekühlte Flasche Wodka sowie eine großzügig portionierte, mit feinstem Beluga Kaviar gefüllte Glaschale, zu laben. Was man mir nicht zweimal sagen musste…

Am frühen Abend verabredeten wir uns zum Aperitif. Auf dem Weg dorthin beobachteten wir einen Ober, der routiniert und mit bedacht einen streng limitierten, sündhaft teuren Champagner Krug Clos du Mensil öffnete. Na, hier geht ́s aber wirklich ab, dachte ich tief im meinem Inneren, hier lässt man sich nicht lumpen. .
Infiziert vom Luxus um mich herum orderte ich zum Hauptgang einen für einen Normalbürger kaum erschwinglichen Chateau Margaux 1953 – ein super Jahrgang aus dem Bordeaux . Den Preis konnte ich nicht sehen, aber ahnen. Schwamm drüber, Kavalier schweigt und genießt.

Wir eröffneten das Dinner mit einer wunderbar samtigen Champagner- Schaumsuppe, ließen uns auch bei den Folgegängen so richtig verwöhnen und rundeten unser Festmahl mit einem von Norbert A. Platt ausgewählten Armagnac aus dem Jahr 1875 ab. Sensationell, mit welcher Grazie der den Gaumen umgarnte. Definitiv sensationell.
Die Kraft des Armanac begann unser Blut zu erobern und wir lehnten uns, wohlig gewärmt, zurück. Dabei viel mein Auge auf ein Gemälde, das eine geradezu aufreizend hässliche Frau zeigte. Neugierig, mit fragendem Blick und leicht nach oben gezogenen Schultern sah ich den in der Nähe stehenden Sommelier an. „Das ist Lady Astor“, hauchte er mir sophisticated in ́s Ohr.

Später erfuhr ich, dass ich mit meiner doch recht robusten Beurteilung des Aussehens der Lady nicht ganz alleine war. Kein geringerer als Winston Churchill hat mich schon Jahre vorher bestätigt. Und das kam so:
Durchdrungen von seinem Lieblings Champagner „Pol Roger Jahrgangs-Cuvée“, betrat Churchill vor zig Jahren das Unterhaus, das „House of Commons“. Dort traf er auf Lady Astor und musste sich von ihr mit einem bösartigen „Sir, you are pissed“ anbellen lassen. Er antwortete ihr kaltschnäuzig und in seiner typischen, bräsigen Tonlage „You are right Madame, but this will pass. Your ugliness however will never pass“.

Zufrieden mit unserem Dinner schlurften wir in behäbigem Tempo auf unsere Zimmer. Auf dem Weg dorthin trabte ein eiliger Ober an uns vorbei, der sich für den Überholvorgang in geradezu devoter Weise entschuldigte. Sachen erlebt man… Eigentlich hätten eher wir uns, wegen unseres Schneckentempos, entschuldigen müssen. Ich schätze mal, sein „Pardon“ hat etwas mit der feinen englischen Lebensart zu tun oder was meinen Sie?
Noch leicht gezeichnet von dem ausführlichen Dinner am Abend, trafen wir uns am nächsten Tag, pünktlich um 8 Uhr, zum Frühstück. Hoffentlich ist unser Pilot Jeremy fitter, dachte ich mir müde. Plötzlich ein Raunen im Breakfast Room. Jeremy erschien frisch gestriegelt und gebügelt in der Eingangstür, kam forschen Schrittes auf uns zu und führte uns, unter reger Anteilnahme der interessierten Hotelgäste, an der Rezeption vorbei zum Hubschrauber des Williams Teams, den er wieder genau vor dem Haupteingang geparkt hatte.
Kurz darauf waren wir in der Luft und donnerten zum Grand Prix nach Silverstone – meine Sorgen um den Fitnessgrad von Jeremy waren gänzlich unbegründet, vermerkte ich wohlwollend und startete die Vorfreude auf den Grand Prix.

Hier über das spannende Rennen und über die spektakulären Geschehnisse zu berichten, wäre wie Eulen nach Athen tragen. Das haben Radio- und Fernsehsender längst ausführlich unternommen. Weltweit. Was aber niemand weiß ist, dass sich Sepp Herbergers viel zitierter Satz „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ bei diesem Formel 1 Rennen nicht bewahrheitet hat. Norbert A. Platt schenkt seit dem Rennen seine Liebe nämlich nicht nur dem FC Bayern München, sondern genauso auch der Formel 1.

Ich dagegen trete seit neuestem nicht mehr nur das Gaspedal, sondern auch jeden Ball den ich zwischen die Füße bekomme – denn nach intensiven Recherchen über diesen sowohl wirtschaftlich als auch sportlich so exzeptionell geführten Club gibt es neben der Formel 1 in meinem Herzen jetzt eine zweite Liebe – und die heißt Bayern München. Das nenne ich ausgleichende Gerechtigkeit.