Ein Abenteuer kommt selten allein – oder meine Zeit mit Lamborghini 

Scharfe Kanten statt weicher Rundungen. Extrem flache Frontscheibe statt bravem Frontglas. Freche Scherentüren statt Wagenschlag nach Gutsherrenart. Ja, ich hatte mich in den Lamborghini Countach regelrecht verknallt – und das über beide Ohren. Ein faszinierendes Geschoss. Es musste her – Träume sind immerhin zum Erfüllen da, oder?


Ich fackelte also nicht lange, überprüfte mein Konto und bestellte mir kurzerhand einen brandneuen LP 400.
Da ich nicht anders konnte, als ihn ab und zu liebevoll über die rassigen Flanken zu streicheln, bemerkte ich schon nach kurzer Zeit, dass der Lack an einer kleinen Stelle zu blühen begann – zwar nur sehr schüchtern und nahezu unmerklich. Für einen Autoästheten wie mich aber Anlass genug, sofort korrigierend einzugreifen.
Wenn schon denn schon sagte ich mir, setzte mich kurzerhand ans Volant und machte mich auf nach St. Agatha, Norditalien, dem „Geburtstort“ aller Lamborghinis.
Im Werk wurde ich an Valentino Balboni verwiesen, er war Testfahrer für Lamborghini, arbeitete aber auch in der firmeneigenen Werkstatt. Schon nach einem kurzen Gespräch merkten wir, dass wir die gleiche Wellenlänge hatten und Valentino bot mir sehr wahrscheinlich aus Sympathie an, meinem Wagen, trotz der nur minimalen „Blüte“, eine ordentliche Ganzlackierung zu verpassen.
Während mein LP 400 in der Werkstatt verarztet wurde, entwickelte sich zwischen Valentino Balboni und mir eine richtige kleine Freundschaft, die in einer Einladung zu ihm nach Hause ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Seine Mama kochte für uns nach allen Regeln der Kunst. Der Tisch bog sich mit den leckersten Köstlichkeiten der norditalienischen Küche. So viel Gastfreundschaft und Herzenswärme war mir schon lange nicht mehr begegnet.
Es vergingen Jahre, bis ich wieder in St. Agatha war. Der Grund: auf mich wartete ein nagelneuer Countach, diesesmal ein LP 400 S, der als dritter Countach, gleich nach Walter Wolf ́s Countach das Band verließ.
Damit war es aber noch nicht getan. Ich hatte Sonderwünsche.
Der einfachste: Ich wollte ein super kleines Lenkrad, wie das in der Formel 1, montiert bekommen.
Der schwierigste: Ich träumte von einem elektrisch zu betätigenden Heckspoiler, damit man den Anpressdruck während der Fahrt und je nach Geschwindigkeit einstellen konnte.
Dazu vermittelte mir Valentino Balboni zwei Spezialisten. Der eine hieß Gintila (Blitz) und war, wie der Name schon sagt, für die Elektronik zuständig. Der andere war ein Spezialist für die Ver- und Bearbeitung von Aluminium, genauso aber auch ein Weinliebhaber par excellence. Und da kleine Geschenke bekanntlich die Freundschaft erhalten, sorgte ich dafür, dass er immer eine volle Flasche erlesenen Weines in seinem Versteck vorfand….
Nach der Fertigstellung holte ich dann, zusammen mit meiner Frau, meinen LP 400 S in St. Agatha ab, bekam von Valentino noch seinen hellblauen Testfahrer Overall geschenkt und tobte, stolz wie Oskar, in meinem nach meinen Wünschen frisierten Countach zum Formel 1 Rennen nach Monte Carlo.
Im Fürstentum angekommen checkten wir im Loews ein, bekamen den besten Garagenplatz und ganz automatisch das Zimmer 4001 von dessen Balkon aus man die Boliden mit voller Beschleunigung durch die Loew ́s-Kurve driften sehen konnte. Dieser Top-Service kam natürlich nicht von ungefähr. Monsieur La Plane, der Hoteldirektor, wurde im Laufe der Zeit zu einem meiner besten Freunde und wusste von meinen Vorlieben….
Vor dem Rennen traf ich natürlich auch Walter Wolf. Als er meinen elektrischen Heckflügel entdeckte, fror sein Begrüßungslächeln schlagartig ein. Er wurde definitiv blass vor Neid und ich konnte mir ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen….
Noch eine lustiges Erlebnis am Rande. Als mich abends zwei Freunde zum Digestiv in mein Zimmer begleiteten, brachen Sie in gellendes Gelächter aus. Meine Frau hatte den hellblauen Overall, den mir Valentino geschenkt hatte, so aufs Bett platziert, als wäre er mein Schlafanzug….
Gleich am Morgen nach dem Rennen fuhren wir zurück nach St. Agatha. Ich wollte die erste Inspektion meines Countach direkt im Werk machen lassen bevor es zurück nach Deutschland ging. Kurz vor einem Tunnel gesellten sich zwei weitere Lambos zu mir, wir düsten im Pulk auf die Tunnelöffnung zu. Im Tunnel gaben wir Vollgas. Die Hölle brach los, brachialer Motorendonnner durchzog die dunkle Röhre. Den Tunnelausgang durchpflügten wir mit einer Geschwindigkeit von 260km/h.
Für die 450 km lange Strecke von Monte Carlo nach Modena brauchten wir eine für uns geradezu sensationell kurze Fahrtzeit von knapp unter 3 Stunden. Über diese Zeit würde Gilles Villeneuve, ehemaliger Formel 1 Vizeweltmeister, allerdings nur mitleidig lächeln. Er braucht für die gleiche Strecke lediglich 2 Stunden und 15 Minuten. Der Mann hat definitiv Hummeln im Blut – auch jenseits der Rennstrecke. Daniele Audetto, ehemaliger Ferrari Reinleiter, erzählte mir beispielsweise folgende Geschichte.
Er raste mit Gilles über die Autobahn von Monte Carlo nach Modena. Anstatt ab und zu mal auf die Benzinuhr zu schauen, wanderte Gilles Auge nur vom Tacho zum Drehzahlmesser und wieder zurück. Plötzlich leuchtete das Reservelämpchen auf. Er düste stur voran und übersah eine Tankstelle am Straßenrand. Audetto machte ihn im gleichen Moment darauf aufmerksam. Gilles stieg in die Eisen, zog die Handbremse, drehte sich qualmend auf der Stelle und düste auf der Standspur mit 250 Sachen zurück zur Tankstelle…
In der Einfahrt zur Tanke kontrollierte ein Polizeiwagen den Verkehr. Villeneuve nuschelte ganz frech irgendwas von wegen Autopanne und wir kamen ungeschoren davon – in Italien müsste man eben leben….
Szenenwechsel.
In Modena angekommen schickte ich, ganz Kavalier, meine Frau zum Shoppen und machte mich auf den Weg zur Inspektion nach St. Agatha. Ich wollte mir die Zeit auf dem Werksgelände vertreiben. Als ich dort eintraf stand alles parat. Valentino wollte meinen LP 400 S allerdings vor der Inspektion noch einmal Probe fahren. Ich drückte ihm die Schlüssel in die Hand und weg war er. Ich schaute ihm wehmütig hinterher – mein Baby in fremder Hand, na ja…
Er stürmte derweil mit 250 km/ die enge Straße entlang – und dann passierte es. Ein Kleinlaster wollte von einem unbefestigten Weg aus die Straße überqueren. Valentino konnte nicht mehr ausweichen, krachte in den kleinen Laster, überschlug sich dreimal der Länge nach und kam, unter einer riesigen Staubwolke versteckt, auf dem Dach liegend zum Stehen. Doch er hatte Glück im Unglück. Mein Sicherheitsfimmel (Feuerlöscher und Hosenträgergurte) hatten ihm sehr wahrscheinlich das Leben gerettet. Auf jeden Fall zerschlug er mit dem Feuerlöscher die Seitenscheibe, sodass man ihn aus dem Wrack ziehen konnte. Die Hosenträgergurte sorgten dafür, dass er, außer einem Kratzer am Arm, ohne weitere Blessuren davon kam. Das alles erfuhr ich von Remo Vecci aus der Reparaturabteilung. „Mr. Johl, we have a Problem“, so startete er mit leiser, ein wenig demütiger Stimme seinen Lagebericht.
„Fratello, ich bin so froh, dass Du lebst“, mit diesen Worten empfing ich Valentino Balboni als er eine halbe Stunde später zurück in die Werkshalle kam, wo er auch von allen anderen erleichtert begrüßt wurde.
Trotzdem blieb die Stimmung im Werk getrübt, was nicht nur am Unfall lag. Lamborghini stand wieder mal vor der Pleite und keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Sogar dem Konkursverwalter aus Bologna ging die Situation an die Nieren…
Doch Kopf in den Sand stecken gilt bei Lamborghini nicht. Man machte sich jedenfalls schnurstracks daran, mir einen neuen Countach zu bauen. Jeder gab dabei sein bestes, die Scharte des Unfalls sollte ja ausgewetzt werden. Das Resultat ließ sich mehr als sehen. Mein neuer Countach war einen Tick schneller als die in Serie gebauten – im Motor beispielsweise wurden alle Kanäle zusätzlich sorgfältig poliert um das Optimum an PS herauszukitzeln. Darüber hinaus war mein Countach mit Sicherheit auch einer der schönsten. Der serienmäßige Lack wurde in meinem Fall mit einem speziellen Klarlack überzogen. Für die nächsten 2 Jahre war mein Countach allerdings das letzte in St. Agatha gebaute Glanzstück. Erst danach kam Lamborghini wieder in die Spur.
Noch kurz zur Fahrzeugübergabe, denn auch hier ließ sich Lamborghini, trotz aller Trauer, nicht Lumpen. Mein Countach jedenfalls wurde in eine riesige Geburtstagsschleife gepackt, die ich erst aufschneiden musste um ins Innere zu kommen. Auf dem Fahrersitz lag ein feines Büttenpapier, auf dem sich alle am Bau beteiligten mit ihrer Unterschrift verewigten und „Gute Fahrt“ wünschten.
Gerührt und bestens gelaunt bog ich in die Landstraße am Werk ein und bediente mit meinem sensiblen Fuß das Gaspedal. Schon nach wenigen Kilometern merkte ich, dass mein neuer Countach mindestens 50% besser ging als sein so arg gebeutelter Vorgänger. Ti ringrazio molto Lamborghini.
Während Sie diese Zeilen lesen, sitze ich mit meinem Freund Jean Claude Biver (Präsident des Luxusuhrenherstellers HUBLOT) im Flieger nach Los Angeles um seine Vorträge im Peterson Museum vor- zubereiten. Die erste Veranstaltung ist übrigens schon heute total ausverkauft. Anschließend geht ́s zum Rodeo Drive nach Beverly Hills.
Dort nehmen wir, zusammen mit viel Prominenz, an der Geburtstagsfeier „60 Jahre Ferrari USA“ teil. Ich werde dazu, zu gegebener Zeit, an dieser Stelle bestimmt noch einiges spannendes zu erzählen habe. Freuen Sie sich darauf.
Zum Schluss noch eine kleine Buchempfehlung. Das reich bebilderte, 2,5 kg schwere Werk:
„Valentino Balboni – Der beste Job der Welt: Lamborghini Testdriver“
von Matthias Pfannmüller aus dem Verlag Motorbuch ist ein absolutes „must have“ für den ambitionierten Automobil- Enthusiasten. Viel Spaß damit und immer dran denken:

Never lift, Tschüss Ihr Armin Johl – on the run.

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