Bugatti – eine Reise zum Gegenteil der Langeweile 

Meine Reise führte mich ins Herz der italienischen Sportwagenherstellung. Dorthin nämlich, wo auch Ferrari, Maserati, de Tomaso und Lamborghini ihr zu Hause haben – nach Campogalliano in der Nähe von Modena. Wo sonst auch könnte die Heimat der legendären Autoschmiede Bugatti liegen…?


Zur Zeit meines Besuches hatten die Besten der Besten, zwei Männer, die schon bei Ferrari, Lamborghini und Maserati Ihr technologisches und merkantiles Talent und Können unter Beweis stellten, die Federführung. Jean Marc Borel und Romano Artioli. Artioli beispielsweise war in den 80ger Jahren Chef einer der weltweit größten Ferrari-Stützpunkte und der erste Suzuki Importeur Italiens. Er war es, der die Bugatti International Holding in Luxemburg gründete, die 1987 die Markenrechte von Bugatti übernahm. Wie existentiell klug dieser Schachzug war, sollte sich Jahre später erst herausstellen. Davon aber mehr einige Zeilen später.
Erstes von Artioli getriebenes Projekt war die Entwicklung des Supersportwagens EB 110, der bei seiner Präsentation im Jahre 1991 als weltweit fortschrittlichster Supersportwagen galt. Wohl auch deshalb wurde er, unter anderem, von Kennern wie Michael Schumacher gekauft….
Ebenfalls 1991 wurde der EB 112 entwickelt, der wegen seines V12 Motors, seiner Leistung von 525 PS und seiner extremen Länge von 5,07 m, auch „Powertrain“ genannt wurde. Bewunderung fand er aber nicht nur wegen seiner beeindruckenden Leistungsdaten, sondern vor allem wegen seiner geradezu atemberaubenden Formsprache, die eine geniale Verbindung von der Klassik zur Moderne darstellte. Die Designer des Porsche Panamera jedenfalls haben sich, so um die 20 Jahre später, gerne an den EB 112 erinnert…
Während der Artioli- Ära zwischen 1991 und 1995 wurden insgesamt 114 Bugattis gebaut.
Wegen der äußerst schwierigen Lage auf den Absatzmärkten in Europa und den USA musste 1995 aber der Konkurs angemeldet werden, die Produktion wurde eingestellt – und jetzt komme ich auf den Schachzug „Holding in Luxemburg“ von Romano Artioli zurück. Durch diese Aktion nämlich konnte der Konkursverwalter lediglich die Fabrik ausschlachten. Der Name Bugatti konnte zum Glück erhalten werden – und wurde, Jahre später, von keinem geringeren als Ferdinand Piech gekauft.
Aber zurück zu meinem damaligen Besuch. Die Fabrik – ich habe nie eine schönere gesehen – lag direkt an der Autobahn. Ich bog ab und fuhr direkt auf Sie zu. Mittels Elektromotor öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt, die Fabrikmauer und ich fuhr ehrfurchtsvoll auf das Werksgelände.
Eine betörend attraktive Lady im eleganten, dunkelblauen Kostüm winkte mich heran und führte mich zum dem mit Mosaik ausgelegten Empfang. An der hinteren Wand waren die italienische und die französische Flagge drapiert. Die italienische für den Italiener Ettore Bugatti. Die französische für den ersten Firmensitz von Bugatti in Molsheim/Frankreich. Blickpunkt im Empfangssaal war ein Bugatti 110, 110 deshalb, weil diese Zahl an den Todestag von Ettore Bugatti erinnert.
Mit seinen 12 Zylindern, 4 Turboladern und Allradantrieb war der im typischen Bugattiblau lackierte und 1991 präsentierte Sportwagen in Leistung und Erscheinungsbild seiner Zeit weit voraus und gehört auch heute noch zur Hautevolee der automobilen Juwelen – meine damals weichen Knie legten davon jedenfalls beredtes Zeugnis ab.
Federführend bei der Entwicklung des Motors dieses Wunderautos war der geniale Nicola Materazzi, der schon an der Entwicklung des Ferrari 288 GTO und F40 maßgeblich beteiligt war. General Direktor war in dieser Zeit Paolo Stanzani, der vorher in gleicher Position bei Lamborghini arbeitete und sich dort mit Valentino Balboni , dem Testfahrer von Lamborghini, anfreundete.
Zurück zu meinem Besuch. Auf dem Firmengelände gab es ein traumhaftes, mit einem Luxushotel vergleichbares Gästehaus, das die Gäste von Bugatti, gratis versteht sich, nutzen konnten. Darüber hinaus gab es ein Restaurant, das jedem 3 Sterne Tempel hätte Paroli bieten können. Hier traf ich meinen Freund Jean Marc Borel, um bei einem „Champagner EB 110“, aus einem der honorigsten Häuser von Reims, Neuigkeiten auszutauschen. Während des Gespräches, ich traute meinen Ohren kaum, offerierte mir Jean Marc, dass er mir für den nächsten Tag den EB 110 zur Verfügung stellen wolle. 12 Stunden später begab ich mich, gespannt aber überglücklich und in erwartungsvoller Hochachtung, zum Objekt meiner Begierde, das mich, blank gewienert bis zum „Gehtnichtmehr“ und majestätisch positioniert, erwartete.
Nach einer kurzen Einweisung glitt ich hinter das mit feinstem Leder bestückte Volant, gab mir eine andächtige Sekunde Zeit und startete dann die 560 reinrassigen Pferde. Während mir das verhaltene Grollen einen Schauer über den Rücken jagte, rollte ich, jede Sekunde genießend, aus der Parkbucht auf das Firmengelände.
Dort wiesen mir Pylone, die wie von Geisterhand bewegt aus dem Boden wuchsen, den Weg zur Autostrada 22. Tja, und dann ließ ich meinen Traum Wirklichkeit werden, ich gab den Pferden die Sporen. Unbeschreiblich, Genuss ohne Grenzen, ohne Worte…
Jahre später zog es mich zurück nach Campogalliano. Die ehemals heiligen Hallen waren verweist. In etwa 5 Minuten walking distance entdeckte ich allerdings ein äußerst attraktives, brandneues Gebäude. Dort klopfte ich an. Keine Reaktion.
Ich schnappte mir das Handy und nach einem kurzen Telefonat öffnete mir Jean Marc Borel die Tür und führte mich hinein ins Paradies – etwa 100 Mechaniker werkelten an einem EB 110 Nachfolgermodell.
Mit leuchtenden Augen erklärte mir Jean Marc, dass er diesen Boliden zum Spitzenprodukt des Sportwagenbaues heranzüchten wolle – mittels 760 PS und einem Kampfgewicht von 1.200 kg. Danach lud er mich, wie schon vor einigen Jahren, zu einer Probefahrt und damit zu einem weiteren, sensationellen Erlebnis ein. Leider, und mir blutet heute noch das Herz, ging das Fahrzeug nie in Serie. Der Investor stellte die Zahlungen ein und es blieb bei nur zwei Prototypen. Einer in Ferrari-Rot, einer in beeindruckendem Gold…
Dass die Bugatti Geschichte trotzdem gut ausging, liegt an einem Deutschen, den ich vorher schon angesprochen habe, an Ferdinand Piech. Der nämlich erkannte die Kraft und, wenn ich das sagen darf, die Herrlichkeit der Marke Bugatti, packte die Chance beim Schopf, kaufte die einzigartige Legende und gliederte Sie, neben Bentley, in das Nobel-Segment seines Markenportfolios ein.

Armin Johl

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