Geschichten aus Maranello 

Mit Carlo Tazzioli verbindet mich eine 40 jährige, enge Freundschaft. Als wir uns kennenlernten, war er für den Verkauf bei Ferrari in Maranello zuständig. Später dann legte er eine steile Karriere hin und schaffte es bis zum Ferrari Verkaufs- Vorstand, weltweit. Durch unsere Freundschaft wurde ich schon bald zum echten, sprich vom Maranello-Team akzeptierten Ferrari Insider, was laut Carlo Tazzioli normalerweise mindestens 8 lange Jahre dauert – erst dann wird man von den stolzen Ferraristi als vollwertiges Familienmitglied anerkannt. Na ja, auf jeden Fall kam ich so schon weit früher als ein Normalsterblicher in den Genuss der schönsten und originellsten Episoden, die sich um den glamourösen Namen Ferrari ranken. Einige davon möchte ich heute zum Besten geben.


Wie Sie bestimmt wissen, ist Maranello die Heimat von Ferrari. Dabei gibt sich Maranello völlig unspektakulär – es ist eben ein ganz typisches, norditalienisches Städtchen, wenn da nicht Ferrari wäre. Ein Unternehmen dessen legendäre Kraft und Ausstrahlung rund um den Globus reicht: bis hinein ins tiefe Asien, vom arabischen Raum einmal ganz abgesehen. Logisch also, dass ein Ferrari Sieg die Volksseele, speziell in Maranello schlagartig zum kochen bringt. Dazu gehört auch, man glaubt es kaum, der Pfarrer der Gemeinde, Don Erio. Bei Ferrari Siegen bringt er und das ist schon Tradition, den Kirchturm mit einem unüberhörbaren Glockengewitter zum Beben. Effekt: Die Maranelloaner wissen sofort, dass es sich hier nicht um eine christliche Botschaft, sondern um einen Ferrari handelt, der wieder einmal gewonnen hat. Dies lässt die gut 17.000 Maranelloaner urplötzlich alles stehen und liegen und quasi mit Vollgas zum Marktplatz strömen, um das Ereignis gebührend, temperamentvoll und ausgelassen zu feiern.

Zur nächsten Begebenheit: Bei einer meiner Reisen nach Maranello begleitete mich mein damals noch kleiner Sohn Benjamin. Wir kamen zur Mittagszeit am Werkstor an – zu einer Zeit also, zu der sich der Magen rührt und man nach einer entsprechenden Lokalität Ausschau hält. Da gibt es für einen Ferraristi in Maranello natürlich nur einen Platz – das Il Cavallino genau gegenüber dem Ferrari Werkstor. Hier verkehrt alles, was Rang und Namen bei Ferrari hat oder eng mit Ferrari verbunden ist. Für Schumi jedenfalls gab es, zumindest in Maranello, keine Alternative. Enzo Ferrari war Stammgast und Luca di Montezemolo, das ist Ehrensache, führt seine Gäste auch heute noch in der Regel in das Il Cavallino, weshalb dieses vorzügliche Restaurant unter Eingeweihten auch „Ferraris Werkskantine“ genannt wird. Zu den Gästen mit Rang und Namen gehört mit Sicherheit auch der Mann, den ich an diesem Mittag ganz zufällig im Il Cavallino traf. Es wer kein minderer als Albert Uderzo – einer der Erfinder, sowie Mit-Autor und Zeichner der berühmten, weltbekannten Asterix Comics. Bei unserem mittäglichen Plausch stellte sich heraus, dass er italienischer Abstammung und ein fanatischer Ferrari Fahrer ist. Wir verstanden uns blendend und mein Sohn Benjamin, der gerade mal über die Tischkante schauen konnte, hörte unserem Gespräch aufmerksam zu. Das wiederum begeisterte Uderzo derart, das er Benjamin zeichnete (die Zeichnung liegt noch heute, wohl verwahrt, in meiner Schreibtischschublade) und ihm einen Spitznamen gab. Überschrift der Zeichnung in Original- Uderzo- Handschrift: Benjaminix. Immer wenn ich in Maranello bin, übernachte ich im – übrigens absolut empfehlenswerten – Hotel Canalgrande. Und immer wieder erinnere ich mich dann an meinen ersten Besuch in dieser feinen Unterkunft.

Warum? Na, lesen Sie mal: Ich checkte so gegen 20.00 Uhr ein. Die Empfangsdame an der Rezeption, ganz offensichtlich eine Italienerin, übergab mir mit freundlichem, charmanten Lächeln meinen Zimmerschlüssel und deutete den Weg Richtung Zimmer an – alles, ohne ein Wort deutsch zu sprechen. Ich machte mich auf den Weg. Im Zimmer angekommen, klingelte das Telefon. Ich nahm ab und eine freundliche Frauenstimme säuselte mir in perfektem Deutsch „herzlich willkommen in Ihrem Zimmer, Herr Johl,“ in das Ohr. Ich war baff. Konnte die Empfangsdame doch deutsch? Das musste ich testen. Ich antwortete ihr mit: „Hilfe, hier brennt es“. Daraufhin sie: „Wir wünschen Ihnen ein guten Aufenthalt, Herr Johl.“ Das Rätsel war gelöst…

Was mich bei Ferrari am meisten erstaunte, war Enzo Ferrari selbst. Da war nichts Geschraubtes oder Herablassendes an ihm. Er war höflich, freundlich und bescheiden. Nur wenn man Enzo Ferrari näher kannte, ahnte man, dass dahinter ein knallharter Leistungsträger steckt, der auch von seinen Mitarbeitern rigoros Fleiß, Engagement und Zuverlässigkeit verlangt – und wer genau hinsah, erkannte das schon an der Lage und Ausstattung seines Büros. Es lag gleich am Eingang der Fabrik, so dass er immer die Kontrolle über die Pünktlichkeit und Anwesenheit seiner Mitarbeiter hatte…

Die Ausstattung seines Büros strahlte eine ungewohnte Klarheit, aber auch Menschlichkeit aus. Die Wände waren hellblau lasiert, die Möbel allesamt aus Naturholz. Unter dem Bild seines Sohnes „Dino“ brannte eine Kerze. Ich glaube, mehr muss man nicht sagen, um den Menschen Enzo Ferrari zu erfassen. Abends, beim Essen im Montana (Schumis Lieblingsrestaurant) kam es immer wieder zu interessanten Begegnungen mit bekannten, ja berühmten Rennfahrern und Ferraristi. Ich saß mit Carlo Tazzioli zusammen. Wir plauderten über Gott und die Welt, kamen aber immer wieder recht schnell auf das Thema Auto, Formel 1 etc. zurück. „Weißt Du, warum Ayrton Senna und nicht Mika Häkinnen die Formel 1 so beherrschte? Ich: „nein.“ Er: „Mika blätterte vor den Rennen im Playboy. Ayrton las die Bibel. That’s it.“ Tja, so kann man das auch sehen. Auf jeden Fall hatte es Tazzioli auf den Punkt gebracht.

Tschüss und bis zum nächsten Mal

Ihr Armin Johl

Instagram

Something is wrong.
Instagram token error.
Load More